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Himmel über Sarawak PDF Drucken E-Mail
Inhalt
Himmel über Sarawak
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52

sundown01 Der 4. Oktober 1872, die Amtseinführung des neuen Gouverneurs, einem mit zahlreichen Orden ausgezeichneten und ziemlich jungen General, sozusagen ein Held, so wie man hörte. Nun, Christina war gespannt. Das einzige was sie freute, war Alexandre zu sehen und zumindest mit ihm zu plaudern, wobei es sich aber auch nur auf ein Austausch von Höfflichkeiten in aller Öffentlichkeit handeln durfte, zumal seine Frau natürlich anwesend sein würde. Christina erinnerte sich nicht je ein Wort mit ihr gewechselt zu haben. Selbst, als Alexandre nicht mehr als ein Geschäftspartner ihres Mannes war, hatte diese Frau sie immer ignoriert, ganz im Gegensatz zu Alexandre...
Die Kutsche fuhr durch das unansehnliche Tor der dicken Befestigungsmauern, die von James Brooke, dem weißen Radscha, erbaut worden waren und deren Fertigstellung und Umbauten des Palastes er nicht mehr erlebt hatte. Angeblich ein Unfall, aber viele der einheimischen Diener erzählen von einem Streit, als der Abgesandte der Queen zu Gast war und am Tag darauf kam es zu einem Jagdunfall, so die offizielle Version, aber auch in Botschaftskreisen wird davon geredet, - hinter vorgehaltener Hand natürlich - daß die englische Krone die Vorgehensweisen von Brooke nicht länger zu billigen bereit war, auch auf Grund des Druckes, der durch die Kolonialisten ausgeübt wurde. Dabei hatte sie den stattlichen älteren Herren als charmanten Gesellschafter kennengelernt. Erst nach längerem Aufenthalt hier, hatte sie es vorgezogen so oft wie möglich, den Empfängen fernzubleiben.
Die großen schweren Festungstore waren geschlossen, sie hatten warten müssen. Zu Zeiten von Gouverneur Gowron, hatten sie immer offengestanden. Der Anblick der sich ihnen innen bot war grotesk: schlichte Versorgungsgebäude, ein großer Exerzierplatz, Unterkünfte, Ställe und dahinter in einem prächtigen weiß, als wäre es aus einer anderen Sphäre an diesen unästhetischen Raum versetzt worden: der Gouverneurssitz, ein Palast mit seinen typischen Säulen, Bögen, Nischen, Mosaikverzierungen. Eines konnte man James Brooke sicher nicht nachsagen, keinen Sinn für Ästethik gehabt zu haben.
Im Grunde hatte sie nichts gegen die Briten. Viele ihrer Bekannten waren welche und Gouverneur Gowron hatte sie immer zutiefst bewundert, was er für diese Land getan hatte, ihm vor allen Dingen Frieden und damit auch Wohlstand gebracht hatte.
Mit gemischten Gefühlen dachte sie an die Umstände seines Todes und daran, daß der neue Gouverneur wohl härter durchgreifen würde und sei es nur aus Angst...
Sie schaute kurz auf den Platz neben sich, den ihr Verwalter Jerry Binks innehatte, ein großer, fast hagerer Mann, an dem seine Ohren wohl am hervorstechendsten waren. Sein Gesicht war lang und schmal und er schien immer den gleichen grauen Anzug zu tragen. Es war schwer einzuschätzen wie alt er war. Er war schon Verwalter für ihren Mann gewesen und hatte schon immer recht schütteres Haar, aber sie konnte sich ganz auf ihn verlassen. Manchmal fragte sie sich allerdings, ob er wirklich ein Mensch war. Nie hatte sie ihn lachen gesehen, statt dessen zuckte sein Mund ständig nervös und alle paar Minuten schob er die kleine Nickelbrille nach oben. Natürlich war er alleinstehend und das war für sie vollkommen selbstverständlich, es kam irgendwie nichts anderes für ihn in Frage, und sicher würde er auch abends in seinem kleinen Haus, 200 Meter vom Anwesen der van Hennings entfernt, nur seine Geschäftsbücher lesen.
Sie bogen um die Ecke und da stand der Gouverneurspalast in seiner ganzen Herrlichkeit vor ihr. Eine breite Auffahrt endete genau vor dem Haupteingang, vor dem die britische Flagge im Wind wehte.
Jerry Binks räusperte sich neben ihr. Sie wußte aber, daß das nicht war, weil er etwas sagen wollte. Er war außer bei Geschäftsbesprechungen ein recht verschwiegener Bursche. Deshalb nahm sie ihn immer auf solche offiziellen Gelegenheiten mit, da sich dort gute Möglichkeiten boten, um Transaktionen abzuschließen, zumal sich Binks um alle Frachten kümmerte und auch oft nicht nur die eigenen Tee- und Kautschukladungen, sondern auch die Ladungen der Nachbarn mitverschiffte, wenn sie noch Platz hatten auf ihren eigenen drei Schiffen, die ständig zwischen Sematan und Pontianak, wo der Hauptsitz der Reederei van Henning lag, die von Christophers Bruder geführt wurde. Und das war auch schon die einzige familiäre Bindung, die zu ihm bestand und wohl auch nur aus geschäftlichem Interesse. Daß sie zufällig mit seinem Bruder verheiratet wurde, war nebensächlich. Die sechs mal, wo sie ihm begegnet war, hatte er sie ignoriert.
Die Kutsche hielt. Ein einheimischer Diener, ganz in weiß gekleidet, eilte herbei und klappte geschäftig den Tritt herunter. Auf seine Schulter gestützt, stieg sie vorsichtig aus und musterte neugierig die Umgebung. Eine Ehrenwache stand in Abständen an der Palastwand entlang. Christina vermutete, daß es wahrscheinlich doch mehr aus Sicherheits- als aus Prestigegründen war. Leise Musik und Stimmengewirr drang an ihr Ohr.
"Nun, dann wollen wir mal, Mr. Binks." Diese Worte waren für ihren Verwalter, der auf der anderen Seite aus der Kutsche gestiegen war und nun in zwei Metern Entfernung gebührlich neben ihr stand, Aufforderung etwas näher zu rücken und unter einem krächzenden Räuspern ihr seinen Arm anzubieten. Gemessenen Schrittes stiegen sie die weißen Stufen hinauf an deren Ende Alexandre wie gelangweilt mit einem Glas Sherry im Portal stand und sicher nicht nur Luft schnappen wollte, sondern schon ungeduldig ihrer Anwesenheit entgegengefiebert hatte.
"Oh, Monsieur Lumière! Wie geht es ihrer Gattin und den Kindern?" Christina zeigte eines ihrer entwaffnendsten Lächeln. Ihre ausdrucksvollen Augen schauten ihn unverhohlen an. Der Schal, den sie leicht um ihre Schultern geschlungen hatte, verrutschte und gab den Blick frei auf ihr Geburtstagsgeschenk, welches das für die englische Gesellschaft viel zu gewagte Dekoltée umspielte.
Sie reichte ihm die Hand, die er mit einem nervösen Blick nach links und rechts ergriff und einen dem Reglement entsprechenden Handkuß andeutete, wobei sein Blick an ihrem, ihre Figur eigentlich etwas zu sehr betonenden, ockerfarbenen Kleid entlangglitt, dessen Stickerei und Spitzenbesatz sie in dem auslaufenden Sonnenlicht wie über den marmornen Boden schweben ließ.
"Danke..." er räusperte sich "...der Familie geht es gut."
"Es ist schön, daß wir sie gleich getroffen haben." Christina durchschritt langsam mit Alexandre, gefolgt von ihrem Verwalter, den Torbogen in die angenehme Kühle der Vorhalle, von der zwei Treppen an beiden Seiten in das Obergeschoß führten und mehrere Türen in die Seitenbereiche des Palastes. Geradezu war der große Saal, dessen Flügeltüren weit offenstanden und man dort die herrschende Klasse von Sarawak versammelt fand.
"Mr. Binks hätte noch einige Details mit Ihnen zu besprechen." Sie machte eine elegante kleine winkende Bewegung mit der Hand und Jerry Binks näherte sich zackig.
"Ich überlasse Monsieur Lumière ihnen, Mr. Binks." Christina neigte leicht den Kopf und wandte sich in Richtung Festsaal. Die Herren verbeugten sich und kaum, daß sich Christina entfernt hatte, hörte sie die hohe, leise Stimme von Jerry Binks, der nun ganz in seinem Element zu sein schien.
Sie holte noch einmal tief Atem und begab sich dann in die Höhle des Löwen, welche einerseits ihre Welt war, die sie aber mit ihrer Arroganz und Intoleranz andrerseits verabscheute. Dieses aufgesetzte Spiel war wie eine Maskerade, nur das um Mitternacht die Masken nicht fielen.
Beim Durchschreiten der Tür schienen sich alle Blicke abschätzend auf sie zu richten. Sowie sie einen streifte, wurde sie mit einem kurzen, tieferen, freundlichen Nicken, oder einem abweisenden Blick begrüßt. Einerseits war es amüsant, aber andrerseits fühlte sie sich auch gekränkt und wütend, wissend, daß sie nichts an dieser Situation ändern konnte.
Sie wurde geduldet, mehr nicht. Sie war die Frau des wohlhabendsten Geschäftsmannes hier gewesen. Die Situation würde sicher anders aussehen, wenn sie wieder verheiratet wäre, oder zumindest das Geschäft nicht selbst übernommen, sondern sich zurückgezogen hätte. Aber das hatte sie nicht getan, und sollte das Geschäft einmal nicht mehr rentabel sein, so würde sie nur von den wenigsten hier Hilfe erwarten können...
Madame Danielle de Bayerl, die ihr freundlich zulächelte, Monsieur Carsten Ehlér, dessen geringschätziger Blick dieses verbohrten Aristokraten wohl andeutete, daß er Gerüchte über eine gewisse Affäre gehört hatte...die jungen Damen Samantha Awakewood, ihre Verwandte Almut von Schleinitz und Lady Anne Birdsinging, die in zwei Monaten Major Liam Kincaid ehelichen würde und dann mit ihm nach England zurückkehrte, worauf sie sich laut ihrer Äußerungen anscheinend mehr freute, als auf die Hochzeit.
"Ah, Madam Christina! Sie sehen heute wieder faszinierend aus. - Ein Glas Champagner?"
"Gerne, Kommodore Spock."
Er küßte ihr die Hand und offerierte ihr dann galant ein Glas.
Immer wenn sie ihn sah beschleunigte sich ihr Herzschlag und eine gewisse gespannte Aufmerksamkeit bemächtigte sich ihrer. Der große, schlanke schwarzhaarige Mann stieß mit ihr auf den neuen Gouverneur an. Leider war das alles, was er bisher an Interesse an ihr gezeigt hatte. Er war ein Eigenbrödler, ledig und am liebsten stand er an Deck eines seiner Frachtschiffe und befehligte sie selbst. Ein unhörbarer Seufzer entrang sich ihrer Seele. Was für eine Verschwendung....
"Haben sie schon gehört: Der neue Gouverneur will die Verbrecher jagen, die Henry Gowron umgebracht haben."
"Aber hat er denn eine Spur?" Sie nippte an ihrem Champagner, der ihre Gedanken etwas abkühlte.
"Ja, einer der engagierten Jäger, ist nach dem feigen Anschlag verschwunden."
"Wie konnte so etwas überhaupt geschehen? - Gouverneur Gowron wollte doch wirklich nur das Beste für Sarawak und er war ein ehrenvoller Mann?" Es war erholsam, solche Gespräche zu führen und nicht womöglich von Lady Diana Widek abgefangen worden zusein, die sich unbarmherzig auf die unschuldigen jungen Damen gestürzt hatte und sie nun mit dem neusten Klatsch versorgte. Das war es auch, was sie an solchen Festivitäten nicht mochte, die typischen Damengespräche und die typischen Herrengespräche, in denen man die Damen meistens nicht einbezog und diese auch keine Anstalten machten dies zu ändern. Da war es doch von Vorteil, wenn Kommodore Spock da war. Er nahm auf solche gesellschaftlichen Zwänge keine Rücksicht und war ihr, seit sie ihm aus einer wirtschaftlichen Misere geholfen hatte, zutiefst verpflichtet, leider nicht mehr....
"...Wie es eigentlich passierte, weiß man nicht. Plötzlich war der Elefant, der den Gouverneur getragen hatte, im Dschungel verschwunden. Man hatte nicht darauf geachtet, weil ein Tiger aus dem Unterholz brach, und als man den Gouverneur suchte, fand man ihn, seine Begleitung Captain Dukhat und den Elefantenboy mit einem Messer im Rücken auf..."
"Schrecklich!" Christinas heile Welt hatte einen Knacks bekommen. Niemals hätte sie derartiges erwartet und wozu? Gouverneur Gowron war bei allen beliebt. Er hatte dafür gesorgt, daß jeder - auch die Einheimischen - Land bebauen und als Eigentum erwerben konnten. Schulen hatte er eingerichtet, dafür gesorgt, daß jeder der Arbeiter bezahlt wurde und nicht wie Leibeigene behandelt wurden...Viele ihrer Nachbarn waren einheimische Pflanzer, alle hatten große Achtung vor ihm gehabt, wer also sollte so was getan haben...
"Kommen sie Christina, da ist der neue Gouverneur, ich werde sie vorstellen."
Ehe sie sich's versah hatte er sie am Arm genommen und zog sie mit sanfter Gewalt quer durch den Raum, zu einem stattlichen Mann mit hellen Haaren in Uniform. Seine Hand lag lässig auf seinem Degengriff, während er scheinbar interessiert einer jungen Dame lauschte, die mit unverkennbarem Interesse und leicht geröteten Wangen wohl eine Anekdote erzählte, da ihr kokettes Lachen durch den Raum scholl.
"Mylady, Gouverneur!" Kommodore Spock kannte keine Gnade. Er unterbrach die junge Dame, die etwas irritiert und aus dem Konzept gebracht worden war.
"Ich möchte ihnen jemanden vorstellen, Gouverneur."
Der Gouverneur verbeugte sich zuvorkommend vor dem jungen Mädchen, das Christina nun als Seniorina Sandra Mordeni, die Tochter des italienischen Botschafters, erkannte, und gab ihr einen etwas zu intensiven Handkuß, was diese leicht schwanken ließ, aber trotzdem wie anerzogen die Haltung bewahrte.
Christina mußte ein Lächeln unterdrücken. Wahrscheinlich würde sie das gleich allen ihren Freundinnen berichten und es in den schönsten Farben ausmalen.
Der Gouverneur wandte sich um.
Anscheinend gefiel ihm was er sah. Seine hellen Augen versuchten sie zu durchbohren. Sein Mund verzog sich zu einem leicht schiefen Lächeln, was ihm ein keckes verträumtes Aussehen verlieh, von dem er wohl meinte, daß keine Frau ihm widerstehen könnte.
Nun, Christina fühlte sich geschmeichelt, aber ihr wäre lieber gewesen, hätte sie Kommodore Spock einmal so angeschaut...
"Madam Christina van Henning.....Gouverneur James T. Kirk."
Er beugte sich herab und ergriff mit einer überaus eleganten Bewegung ihre Hand. Seine Lippen berührten sinnlich ihre Fingerspitzen, während seine Augen sie unablässig musterten.
Das war also die Frau, die einer der größten Kautschuk- und Gewürz-Plantagen hier auf Sarawak ihr eigen nannte. Nun es würde sicher nicht schwierig sein, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen und angenehm würde es außerdem sein...
Ein zartes Lächeln lag in ihrem Gesicht und eine erregende Röte hatte ihre Wangen leicht eingefärbt, was James keineswegs auf das Klima schob, denn es war in dem großen Saal angenehm kühl für diese Jahreszeit.... Sie genoß sichtlich die Aufmerksamkeit, daß spürte er. Es wurde Zeit, daß sie wieder einen Mann ins Haus bekam, und wer war da besser geeignet, als er...
"Hier hatten sie sich also all' die Jahre versteckt, Madam."
Etwas irritiert entzog Christina ihm ihre Hand. "Ich verstehe nicht, General?"
"Ich habe mein Leben lang nach ihnen gesucht, Madam, und hier am Ende der Welt ist mir Aphrodite nun endlich gesonnen." Eine vorwitzige kurze Haarsträhne hatte sich aus seinen nach hinten gekämmten Haar gelöst und stand nun etwas über der Stirn ab, was ihm ein lausbübisches, jungenhaftes Aussehen verlieh. "Ich werde ihnen nicht mehr von der Seite weichen." Er verbeugte sich leicht und bot ihr seinen Arm an.
Angesichts so charmanter Aufdringlichkeit, mußte Christina kurz auflachen. "Ich habe bereits gehört, daß sie ein stürmischer Eroberer sind." Sie tippte mit ihrem geschlossenen Fächer kurz gegen seine mit Orden geschmückte Uniform. "In den letzten Tagen waren ihre Heldentaten, das erste Gesprächsthema hier." Ohne zu zögern ergriff sie seinen Arm, was Alexandre Lumière mit einigem Mißfallen beobachtete und kaum noch auf die Ausführungen von Mr. Binks über Transportgelder, Ladekapazitäten, neue Umschlagplätze und effektivere Anbaumethoden folgte. Statt dessen nippte er an seinem Glas Sherry und verfolgte aufmerksam jeden von Christinas Schritten. Er sah sie lachen, scherzen, plaudern und sich sichtlich wohl fühlen...am Arm eines anderen Mannes... eines für sein Empfinden sehr gut aussehenden Mannes, der zudem noch ungebunden war.
Der Sherry schmeckte mit einmal nicht mehr und er stellte das Glas etwas zu heftig, so daß es fast gekippt wäre, auf ein Tablett, welches ein Diener gerade vorbeitrug.
"Geht es Ihnen nicht gut, Monsieur Lumière, sie sehen blaß aus?" fragte Binks und schaute zu dem größeren, stabilen Mann in dem hellgrauen Tuch mit steifem Kragen und goldener Krawattennadel auf.
"Nein,...nein, danke Mr. Binks. Aber ich denke, wir haben genug über das Geschäft geplaudert, vielleicht sollten wir uns jetzt den angenehmen Dingen zuwenden." Er nickte etwas verkrampft dem Verwalter der Van Henning Plantagen zu und ließ ihn stehen, um in der Menge unterzutauchen.
Ein arrogantes schiefes Lächeln verzerrte für Sekunden das knochiges Gesicht von Jerry Binks zu einer Grimasse, um gleich darauf wieder seinem stoischen, gleichförmigen, etwas weltfremden Blick Platz zu machen, um sein nächstes Opfer anzuvisieren.
Dadurch, daß er viele der geschäftlichen Vorgespräche führte, wußte er fast alles über die anwesenden Lords, Ladies, Geschäftsleute, Offiziere, Botschafter und all' den anderen mehr oder weniger zu den oberen Gesellschaftsschichten gehörenden.
Während Jerry Binks den in wirtschaftlichen Dingen recht unbeholfenen Colonel a.D. Lord William Riker, von den Vorteilen einer gemeinsam genutzten Verschiffung ihrer Erträge zu überzeugen versuchte, hatte sich Alexandre Lumière der Gruppe von Gouverneur Kirk angeschlossen, sicher keineswegs um den politischen Debatten zu folgen, zu denen er noch mit keinem Wort beigetragen hatte, sondern wohl eher, um die anwesenden Personen, die sich um den Gouverneur gruppierten, oder besser... um eine anwesende Person, die der Gouverneur wohl nicht beabsichtigte aus den Augen zu lassen, zu beobachten.
Christina van Henning ihrerseits fühlte sich keineswegs deplaziert zwischen den Herren, ganz im Gegenteil, so erfuhr sie die neusten Ereignisse aus erster Quelle und nicht über den Tratsch aus dritter Hand von den Damen der führenden Offiziere. Und eine gewisse Genugtuung erfüllte sie gepaart mit Arroganz, als sie Alexandre aus den Augenwinkeln betrachtete, wie wenig ihm diese Entwicklung gefiel. Wäre er in der Lage, ihre Seele zu hören, so hätte sie ihm gesagt, daß er selbst Schuld an dieser Entwicklung sei. Er bräuchte nur öffentlich zu ihr zu stehen, dann würde so etwas nicht geschehen.
Ihre Blicke trafen sich, Trauer, Pein und Sehnsucht schlugen Christina wie Ohrfeigen entgegen.
Tiefe Reue erfaßte sie, Schuld über das, was sie eben gedacht, so als hätte sie ihm ihre Gedanken kundgetan, die sie für einen Augenblick beherrscht hatten, aber jetzt wie weggewischt waren. Sie schaute Gouverneur Kirk von der Seite an, der Miss Stephanie Kings Ausführungen über die unkultivierten Angewohnheiten - wie sie es bezeichnete - der einheimischen Bevölkerung erzählte.
Ein gut aussehender, kultivierter Mann. Ehrgeizig, selbstbewußt, mutig und sehr charmant... Ihm standen alle Türen offen, in die angesehenste englische Familie einzuheiraten, aber er war immer noch ledig...
Ein kleines charmantes Lachen seinerseits belohnte die Ausführungen von Miss King, die äußerst gerührt schien. Die anwesenden Herren, stimmten höflich mit ein.
Er wandte sich ihr zu und ein fragender Blick traf sie. Anscheinend hatte er ihre nachdenkliche Haltung bemerkt. "Ich hoffe sie nicht gelangweilt zu haben, Madam?"
"Oh nein, Gouverneur, ich dachte gerade eben an etwas anderes." Sie lächelte ihm zu, was er mit einem etwas zweifelnden Ausdruck in seinen hellbraunen Augen erwiderte, der abrupt wechselte, als ihm anscheinend etwas eingefallen war, wie er die Dame an seiner Seite erfreuen könnte.
"Es wird wohl Zeit uns dem leiblichen Wohl zu widmen und dem Buffet einen Besuch abzustatten, oder was meinen sie Madam van Henning?"
"Ich habe langsam das Gefühl, daß sie meine Gedanken lesen können, Gouverneur."
Mit dem bedeutungsvollsten Blick, den ihr ein Mann jemals zugeworfen hatte, ergriff er ihre Hand und führte sie an seine Lippen, um sie dort gegen jedwede Etikette etwas zu lange verweilen zu lassen. "Was würde ich darum geben, dies tun zu können...!" sagte er leise, kaum hörbar mit einem eigenwilligen Unterton, der Christinas Herzschlag ungewollt beschleunigte und sie veranlaßte ihren Fächer zu öffnen und sich frische Luft zuzuwedeln.
Oh ja, er hatte zweifellos eine äußerst charismatische Ausstrahlung, die sie anzog. In jüngeren Jahren, hätte sie sich schon unsterblich in ihn verliebt. Aber bei Alexandre hatte sie anfangs auch geglaubt, er würde alles für sie aufgeben und war eines Morgens mit der Erkenntnis erwacht, daß dies nur ein schöner Traum sein würde, der niemals seinen Weg in ihr Leben finden würde.


Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 30. Dezember 2007 )
 
 
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