|
Seite 40 von 53
Ein Sonnenstrahl nach dem anderen schob sich über den Horizont, wie ein
Bergsteiger nach der Erde greifend, sich daran festklammern und
unaufhaltsam höher gelangend und die Dunkelheit aus den kleinsten Ecken
und Winkeln vertreibend. Immer höher stieg der orangene Ball und schon
war es unmöglich in sein Antlitz zu schauen...
"Hey, Soldat!" Der angesprochene Lieutenant schreckte aus seinem
dösenden Halbschlaf und schaute sich suchend um. Hörte er jetzt schon
Stimmen? Er blinzelte...Reiter? - Reiter! Sie schienen direkt aus der
Sonne zu kommen. Er bedeckte mit der Hand seine Augen, die anfingen zu
tränen...
"Sag deinem General, der Tiger von Malaysia will ihn sprechen"
In den vorher etwas schläfrig aussehenden Wachposten kam Bewegung..."Alarm!"
Das Nachlager der britischen Armee, daß auf einer kleinen Anhöhe lag,
geriet in ein ungeordnetes Hin und Herlaufen, bis sich die aus dem
Schlaf gerissenen Soldaten mit ihren Waffen im Anschlag formiert hatten.
"Was für ein Chaos..." murmelte Kammamuri und schüttelte den Kopf.
"Ja, der General hat seine Leute nicht besonders gut im Griff." Sandokan beugte sich bequem nach vorne.
"Wir hätten gleich angreifen sollen. Was sollen wir mit Schakalen verhandeln!"
"Dann wären wir nicht besser wie der Gouverneur, Ulzana."
Zwischen den Reihen der Soldaten schob sich ein Mann nach vorne. "Ah,
Sandokan! Du willst dich ergeben, was? - Nun, deine Kapitulation nehme
ich gerne entgegen."
Die beiden Männer musterten sich eingehend. Der Gouverneur von Sarawak
stand siegessicher mit in den Hüften gestemmten Händen, in eilig
übergeworfener Uniformjacke da und grinste ihn frech an.
"Ich wollte eigentlich ihnen die Möglichkeit geben, daß Leben ihrer Männer zu schonen und sich zurückzuziehen."
Der Gouverneur lachte. "Das Leben meiner Männer soll von ein paar Landarbeitern bedroht sein?!"
Sandokan blickte ihn mitleidig an. "Ich bin auch bereit das Mann gegen
Mann auszutragen." Schnell und kaum nachvollziehbar sauste ein Messer
durch die Luft und landete genau vor der Stiefelspitze des Generals,
dessen angespannte Haltung verriet, daß er Sandokan am liebsten an die
Kehle gegangen wäre. Sandokan nickte mit dem Kopf "Das habe ich mir
gedacht. - Sie verstecken sich lieber hinter einer Armee oder hinter
ihren Handlangern, wie Mr. Binks. - Ich hoffe die Geschäfte waren
einträglich?! In einigen Ländern wird ja Menschenhandel noch recht gut
bezahlt...." Sandokan wartete die Antwort seines Widersachers nicht ab,
dessen Gesicht immer röter angelaufen war.
Sie wendeten ihre Pferde und im gestreckten Galopp jagten sie über die
Ebene, über der sich der Staub und das Flimmern der Sonne zu einem
diffusen Licht vermischten.
Der General wandte sich um und schritt mit weit ausholenden Schritten
hinter die Reihen seiner Männer. "Captain Sheridan! Wir greifen an,
formieren sie die Männer."
"Sie wollen wirklich diese sichere Position hier aufgeben, General?
Wenn wir erst auf der weiten Ebene sind, und Sandokan uns den Rückzug
abschneidet...."
"Sandokan hat uns herausgefordert, falls sie es nicht bemerkt haben
sollten, Captain." Mit heftigen Bewegungen schloß er seine Uniformjacke
und griff nach seinem Degengehänge. Er wandte sich um. "Haben sie noch
etwas einzuwenden, Captain?" Er studierte das jungenhafte Gesicht
seines Untergebenen, dem man bestenfalls den Rang eines Lieutenants
zutrauen würde.
Die Gestalt vor ihm senkte den Blick. "Nein, Sir."
"Gut!"
Sandokan und seiner Männer lenkten ihre Pferde in das die Ebene umschließende Waldgebiet.
"Was ist los?" Christina ritt ihm entgegen.
"Er wird angreifen."
"Vielleicht zieht er sich auch wie ein feiger Hund zurück."
"Nein, Kammamuri, daß wird er nicht." Sandokan ließ seinen Blick über
die Landschaft gleiten. "Bezieht eure Posten, wie besprochen. Sabau, du
wartest mit deinen Leuten hier, bis die Soldaten vorbeigezogen sind."
Kammamuri, Li und Ulzana gaben ihren Pferden die Sporen und ein Teil
der Männer folgten ihnen zur anderen Seite der Steppenlandschaft.
Sandokan beugte sich im Sattel zu Christina hinüber. "Rühr dich nicht
von der Stelle." Er küßte sie. "Ich hole dich hier wieder ab." Er
wendete sein Pferd und galoppierte Kammamuri hinterher. Yanez folgte
ihrem Blick, drückte kurz ihre Hand und folgte dann Sandokan.
Sabaus Leute zogen sich in das tiefere Dickicht zurück. Nur zögernd
folgte Christina ihnen, immer noch der sich langsam legenden Staubwolke
nachschauend. Sie wurde sich bewußt, daß Sabau sie betrachte, mit
aufrechten, weisen Blicken.
"Er hat einen großen Namen. - Bevor man ihn tötet, muß man seinen Namen töten."
|
|
Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 30. Dezember 2007 )
|